Übersicht links Texte Home SE/SP http://www.deutsches-filminstitut.de/collate/
     

Film und Zensur
     
 

Relevanz des Themas
Internationale Editionsarbeit: Fallstudien in COLLATE

  • Zensur und Politik
  • Zensur und Genre

Materiallage und Forschungssituation
Die Früchte der internationalen Zusammenarbeit

Relevanz des Themas

Kino war und ist immer untrennbar mit der kulturellen Identität eines Landes verbunden. Jedoch war der Film niemals durch nationale Grenzen beschränkt. Filme wurden nicht nur oft von Produzenten aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam produziert, sie wurden auch immer schon weltweit vertrieben. Andererseits war die von Staat zu Staat unterschiedliche Filmzensur ein grundsätzliches Hindernis für die Internationalität des Films. Denn jeder Staat besitzt, eingebettet in die jeweilige Kunst-, Politik- und Wirtschaftsgeschichte, eine eigene Filmzensur.

Hier zeigt sich exemplarisch die enge Verknüpfung von Politik und Ästhetik. Und die Tatsache, dass Filmzensur sich genau im Spannungsfeld zwischen nationalen und internationalen Fragen befindet, macht das Thema noch spannender.

Wir haben uns dazu entschlossen, den großen Bestand an zeitgenössischen Dokumenten, der dem COLLATE-Team zur Verfügung steht, ins Zentrum unseren Untersuchungen zu stellen. Das bedeutet: Nah an den Primärquellen zu bleiben und zu versuchen, ihre Inkonsistenzen und Widersprüche produktiv zu machen.

Internationale Editionsarbeit: Fallstudien in COLLATE

Gemeinsame Editionsarbeit zu ausgewählten Themen bildet den Hintergrund für eine komparative Studie der Zensurpraxis in Deutschland, der Tschechoslowakei und Österreich. Besonderes Interesse galt dabei der Untersuchung von zeitlichen und räumlichen Kontinuitäten und Brüchen bei der Ausübung von Filmzensur durch unterschiedliche Zensoren und Zensurbehörden in unterschiedlichen Staaten.

Das Ziel der Source Edition ist nicht nur, den Kenntnisstand zur Geschichte der Filmzensur zu erweitern – obwohl dies sicherlich die grundsätzliche Motivation für die Filmarchivare und -forscher in COLLATE war. Die Absicht dieser Internetpräsenz ist es auch, die vielfältigen Möglichkeiten aufzuzeigen, die ein solches virtuelle Forschungszentrum (collaboratory) bietet. Dieser zweiten Absicht gemäß entschieden wir uns für ein Nebeneinander von zwei unterschiedlichen Ansätzen.

Zensur und Politik
Einerseits finden Nutzer hier eine “klassische” komparative Fallbesipiel, die Zensurgeschichte von Sergeij Eisensteins BRONENOSEZ POTEMKIN.
“Klassisch” bedeutet in diesem Fall unterschiedliches. Nicht nur dass PANZERKREUZER POTEMKIN als Klassiker der Filmgeschichte gilt und als künstlerisch wertvoll hochgradig anerkannt ist – und dass sich die Filmwissenschaft gerne mit „hochwertigen“ Werken beschäftigt. Klassisch heißt auch, dass es sich bei PANZERKREUZER POTEMKIN um einen ausgesprochen politischen Film handelt und dass Zensurkämpfe häufig mit explizit politischen Auseinandersetzungen assoziiert werden. Last but not least bedeutet „klassisch“, dass wir film-zentriert arbeiten, was ein verbreiteter Ansatz ist.

Zensur und Genre
Im Gegensatz dazu steht der zweite Teil der source edition, der sich nicht mit einem einzigen Film, sondern der Beziehung von Zensur und Genre beschäftigt. Damit entgehen wir tagesaktuellen und unmittelbar politischen Erklärungsversuchen und Begründungen und konzentrieren uns stärker auf die strukturellen Aspekte von Film und Zensur. Für unser zweites Fallbeispiel haben wir das Horror-Genre gewählt. Horror-Filme sind Unterhaltungsfilme, Massenware, „B“-movies. Seit den 1980er Jahren hat die (Film) Wissenschaft begonnen, die gängige Einteilung in major/minor -Werke, Erbauungs- und Unterhaltungskunst, Zentrum und Peripherie zu dekonstruieren. Seitdem sind mittlerweile zahlreiche Dissertationen, Monographien und Sammelwerke zum Thema erschienen. Dennoch: Der Makel des Unseriösen bleibt immer wieder oder immer noch an den Horror Filmen haften (Cook 1987: 99).

Um der Komplexität des Themas gerecht zu werden, haben wir die Auswahl um zwei Filme erweitert, die nicht ganz passend erscheinen: VAMPYR (Frankreich 1932) und FREAKS (USA 1932). Dadurch können die grundsätzlichen Fragen und Einwände gegenüber der Genre-Theorie mit eingebunden und thematisiert werden.

VAMPYR ist auch aus verschiedenen Gründen ein untypischer "Fall" innerhalb der Auswahl. Er ist der einzige der ausgewählten Filme, der außerhalb des amerikanischen Studiosystems produziert wurde. VAMPYR wurde von einer kleinen französischen Produktionsfirma hergestellt und ist somit auch der einzige europäische Film in unserer Horror-Auswahl. Darüber hinaus zählt sein Regisseur, der Däne Carl Theodor Dreyer, zu den Vätern des avantgardistischen, unabhängigen Kinos und repräsentiert eher das europäische Autorenkino als die amerikanische Studioproduktion.

Materiallage und Forschungssituation

Diese breit gefächerte Herangehensweise entspricht nicht nur den Projektzielen. Sie stimmt sowohl mit der unterschiedlichen Forschungssituation in den drei Ländern als auch mit der spezifischen Lage der drei involvierten Archive überein. In Deutschland gibt es zahlreiche Veröffentlichungen zur Filmzensur; das Deutsche Filminstitut – DIF beschäftigt sich nicht nur schon lange mit dem Thema, sondern hat selbst eine große Sammlung von Zensurdokumenten in ihrem Bestand. In Österreich gab es auch Forschung zur Filmzensur, allerdings nicht in der hier behandelten Periode; darüber hinaus waren im Filmarchiv Austria – FAA keine relevanten Zensurdokumente verfügbar. Ganz anders die Lage in der Tschechoslowakei: Die hier zum ersten Mal präsentierten Ergebnisse haben Pioniercharakter. Die Recherchen des Národní Filmový Archiv (Czech National Film Archive – NFA) zur tschechoslowakischen Zensur haben neue Fakten und wertvolle Erkenntnisse ans Licht gebracht. Ihre Relevanz geht jedoch auch über die Grenzen der damaligen Tschechoslowakei hinaus.

Die Früchte der internationalen Zusammenarbeit

Hier ein Beispiel: Sergeij Eisensteins PANZERKREUZER POTEMKIN (UdSSR 1925) gilt als einer der wichtigsten Film des letzen Jahrhunderts. Der Stummfilm, der in den 20er Jahren weltweit für Furore sorgte, weckt auch heute noch die Begeisterung des Publikums durch seinen modernen und klaren Stil. Weit weniger bekannt ist aber, dass auch eine im Deutschland im Jahre 1930 hergestellte Tonfassung des Films existierte – die aber leider nicht mehr überliefert ist.

Das NFA-Team fand nun in der Sammlung "Cenzurní sbor kinematografický pri ministerstvu vnitra 1919-1939(1940)" des State Central Archive in Prague (Státní ústrední archiv v Praze) eine deutsche Zulassungskarte des Films, die lange als verschollen galt.

Die Entdeckung dieser Zensurkarte ist filmhistorisch außerordentlich bedeutend, da es sich um eines der wenigen Dokumente handelt, die heute Aufschluss über die synchronisierte Version des Films geben können. Sie kann helfen, die Arbeiten an der Rekonstruktion der Tonfassung von BATTLESHIP POTEMKIN zu unterstützen. Darüber hinaus ergab die Analyse des DIF, das sie ein außergewöhnlich konkretes Beispiel dafür ist, im welchen Ausmaßen Filme als Folge von Zensur und Selbstzensur in ihren grundsätzlichen Aspekten verändert wurden.

Ausführlichere Essays mit links zu den Primärquellen sind in der Collate Source Edition zu finden.

von Laura Bezerra und Jürgen Keiper

 
 

 

   
       

Collate Film und Zensur Filmzensur in Deutschland, Österreich und in der Tschechoslowakei in den 20er und 30er Jahren